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Der adressierte Junge (mit Leseprobe)  18,00 CHF
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Art.Nr.: 3-938411-01-5
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Der adressierte Junge (mit Leseprobe)

Das Ende des 21. Jahrhunderts. Wo Mensch, Magie und Maschine verschmelzen.

Der dreizehnjährige Boris wächst behütet als Sohn eines Konzernangestellten auf und träumt - inspiriert von Trideo und Matrixspielen - von einem abenteuerlichen Leben in den Schatten. Während eines Kurzurlaubs in München brennt er schließlich durch, um sich seinen Traum zu erfüllen: Er will Runner werden! Mit Credsticks, die er seinem Vater geklaut hat, bezahlt er die Runner Theseus, Cinque und Key, damit sie ihn ausbilden. Doch während er Schießen lernt und seinem ersten Job entgegenfiebert, hat sich längst das Team eines skrupellosen Zwerges an seine Fersen geheftet - denn unter den von Boris mitgenommenen Credsticks befindet sich einer, der viel mehr beinhaltet als Geld und den sein einflussreicher Besitzer unter allen Umständen zurück will. Bald dämmert Boris, dass die realen Schatten viel dunkler sind als die aus dem Trideo.

Leseprobe
"Scheiß Werbung", murrte Boris in Richtung Trideo. "Immer wenn's am spannendsten ist."

Er ließ das Gerät laufen und machte Liegestützen. Er musste trainieren, wenn er wie Viper werden wollte. Er war groß und clever für sein Alter, aber um ein dunkler Held zu sein, fehlte noch viel. Körperliche Fitness und Implantate. An der Fitness arbeitete er täglich, und für die Implantate hatte er auch schon einiges gespart. Das Geburtstagsgeld von Oma, die EC für gute Noten von Opa - Zeugnisse zu fälschen, war nicht sonderlich schwer - und die Hälfte seines Taschengelds. Die andere Hälfte ging für Games, den Monatsbeitrag für ViperMatrix, E-Books, Kino, Musik und so Zeug drauf. Klamotten kauften ihm seine Eltern. Sie wussten nicht, worauf er sparte, aber fanden es prinzipiell sehr gut: "Sparen ist eine Tugend. So lernst du, mit Geld umzugehen und eigenverantwortlich zu handeln."

"Spare in der Zeit, dann hast du in der Not", sagte nur seine Oma, sonst redete niemand in der Familie von Not. Warum auch, sie hatten sogar den Matrixcrash von 2064 und die damit einhergehenden Unruhen gut überstanden, und das war jetzt, im Juli 2071, beinahe sieben lange Jahre her. Wenn irgendwann doch eine Notlage käme, musste man damit umzugehen wissen, vorbereitet sein, man brauchte Charakter, ein Sparstrumpf half da nicht weiter, davon war Boris überzeugt.

Das Gesülze über das Sparen ging ihm auf die Nerven. Von wegen eigenverantwortlich. Er war dreizehn und durfte nicht einmal das Haus verlassen, ohne Bescheid zu geben, wohin er wollte. Das Konzerngelände hatte er noch nie verlassen, Schule, Kino, Eisdiele, Sportplatz, alles war hier. Er hatte keine Freunde draußen, das Draußen kannte er nur aus dem Trideo und der Matrix. In der Matrix verbrachte er die meiste Zeit und zockte ViperMatrix. Da hieß er Hellbringer und war richtig gut.

Dreimal war er mit seinen Eltern und seiner Schwester im Urlaub gewesen, immer am Meer, am Paradise-View-Strand in Südfrankreich, der gehörte zu Horizon, dem Konzern, für den sein Vater arbeitete. Sauberer weißer Sand, saubere pastellfarbene Bungalows und mehrstöckige Hotels, saubere familienfreundliche Bars und Clubs, und fünfzehn Kilometer von der Küste entfernt ein stählerner bewachter Zaun, der Fremden die Zufahrt verwehrte. "Das sind die Annehmlichkeiten, wenn man in einem AAA-Konzern arbeitet. Da gibt es alles, was man braucht, sie sorgen für einen rund um die Uhr", plapperte sein Vater die Horizon-Propaganda nach.

Boris wollte keine Annehmlichkeiten, Annehmlichkeiten kannte er seit seiner Geburt, sie waren langweilig. Alltäglich. Er sehnte sich nach Freiheit, er träumte von Abenteuern. Immer wieder hatte er im Urlaub am Zaun gestanden und hinausgesehen. Das Gras dort draußen war gleich grün, der Wind wehte aus derselben Richtung, nur die Zufahrtsstraße besaß mehr Risse, und die Begrenzungsstreifen strahlten nicht ganz so weiß in der Sonne. Die Straßen und Fußgängerwege hier drinnen waren so sauber, dass Boris manchmal erwartet hatte, irgendwer würde ihm sagen, er solle erst die Schuhe abtreten, bevor er sie benutzte. Alles war fürchterlich sauber, klinisch, tot.

Einmal hatte ein schlaksiger Junge mit abgeschabter Hose gegen den Zaun gepinkelt, einen vollen gelben Strahl, dann seine Bierflasche darüber geworfen und war lachend davongelaufen, den Mittelfinger Richtung Wachturm erhoben. Boris hätte in dem Moment sonst was dafür gegeben, wenn er hätte pinkeln können, doch seine Blase war leer. Er wollte Menschen wie den lachenden Jungen mit dem erhobenen Mittelfinger treffen, er wollte in der wirklichen Welt leben. Er wollte Menschen wie Viper treffen. So hart die Schatten auch waren, sie waren cool, dort warst du frei und du konntest dir einen Namen machen, der etwas bedeutete. In einem Konzern konntest du nur einen Posten bekleiden, der etwas bedeutete. Du warst stolz auf deinen Job, nicht auf dich selbst. Aus:

Boris Koch, Der Schattenlehrling


Autor: Boris Koch
Paperback, 231 Seiten

Führen wir nicht mehr!



Diesen Artikel haben wir am Donnerstag, 01. März 2007 in unseren Katalog aufgenommen.


Donnerstag, 24. Mai 2012 3807033 Zugriffe seit Dienstag, 15. Mai 2007
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